Väter oder die Leichtigkeit der Kindheit

Ich finde es immer wieder interessant, wie meine aktuellen Themen meine Wahrnehmung beeinflussen. Oder vielleicht ist es auch andersherum. Ich nehme vermehrt etwas wahr und denke deshalb auch vermehrt darüber nach. 

So passiert es gerade mit dem Thema „Vater und Vaterfiguren“. Seitdem ich zurück nach Lübeck gezogen bin, beschäftige ich mich viel mit meiner Vergangenheit. Klar. Jede Ecke in dieser für mich mittlerweile wieder schönen Stadt erinnert mich an unterschiedliche Menschen und Lebensabschnitte und die Geschichten dazu. Es war schon immer so, dass mir Tränen in die Augen schossen, wenn ich in einem Film sah, wie sich ein Vater um sein Kind bemühte. Es ist eigentlich immer die gleiche Geschichte. Die Beziehung zwischen Vater und Kind ist schwierig, das Kind wendet sich ab und der Vater gibt alles, um diese Beziehung wieder zu kitten. Er ruft an, schreibt, geht einfach nach Schulschluss hin, lässt sich absurde Dinge einfallen, um dem Kind nahe sein zu können. Der erste Film, der mich so berührte, war Mrs. Doubtfire. Wie toll ist es bitte, dass Robin Williams aka Daniel solch einen Aufwand betreibt, um bei seinen Kindern sein zu können! Um sehen zu können, wie es ihnen geht, wie sie sich entwickeln und um einfach an ihrem Leben teilhaben zu können!

Vor kurzem habe ich dann „Verborgene Schönheit“ gesehen. Will Smith kommt nicht über den Tod seiner Tochter hinweg und verfällt in Depressionen. Als Nebenschauplatz spielt Edward Norton einen Vater, dessen Tochter lieber Zeit mit dem erfolgreichen neuen Freund ihrer Mutter verbringt. Edward Norton zieht sich zurück und lässt seiner Tochter Freiraum. Will Smith sagt ihm dann im Laufe des Films „Du brauchst doch nicht ihre Erlaubnis, um ihr Vater zu sein.“ Ich habe Rotz und Wasser geheult bei dieser Szene. Bei jeder Szene in jedem Film, in dem es um die Beziehung von Vater und Kind geht. Dabei ist es egal, ob es Söhne oder Töchter sind. 

Dass es so viele Filme gibt, in denen die Beziehung von Vätern und ihren Kindern thematisiert wird, zeigt, dass es viele Menschen gibt, die sich mit diesem Thema befassen. Natürlich gibt es auch Filme, in denen Mütter thematisiert werden. Allerdings muss ich sagen, dass auch in meinem näheren Umfeld häufiger die Väter „das Problem“ sind.

Der Unterschied zu solchen Sonntagabendfilmen und der Realität ist aber meistens, dass die Eltern-Kind-Situation am Ende friedefreude ist. Sehe das eher selten im RL. Ausnahmen bestätigen die Regel. 

„Ey! Ich bin stark und unabhängig! Du kannst mich mal!“

Schön sind auch Filme, in denen das Kind dann irgendwann sagt „Ey! Ich bin stark und unabhängig! Du kannst mich mal! Ich brauch dich nicht für mein Glück!“

Eltern sind ja immer irgendwie Thema. Die Erziehung und das Verhältnis zu den Eltern prägt einen Menschen und beeinflusst das ganze Leben. Die meisten Menschen wollen nicht so werden wie ihre Eltern und stellen dann oft fest, dass sie doch ein paar ungeliebte Gewohnheiten oder Wesenszüge angenommen haben. 

Entweder sagt man, dass man eine schöne Kindheit hatte oder eben nicht. Sie war behütet oder schwierig. Und die meisten Menschen können auf Anhieb eine oder mehrere Situationen aus ihrer Kindheit nennen, die sie in ihrer Entwicklung beeinflusst haben. Ob positiv oder negativ sei nun mal dahingestellt. 

Das Verhältnis zu den Eltern beeinflusst. Selbst, wenn Elternteile nicht da waren. Dann beeinflusst eben diese Abwesenheit das weitere Leben des Kindes bis ins Erwachsenenalter hinein. Wie oft höre ich, dass Menschen dies oder jenes tun oder sich so oder so verhalten, weil diesdas in der Kindheit so oder so passiert ist. Und das mag ja auch so stimmen. Ich weiß auch, dass ich bin wie ich bin, weil ich das und das erlebt habe oder eben nicht erlebt habe. 

Ich finde aber, dass die Kindheit nichts ist, womit man jedes Verhalten entschuldigen kann. Jedenfalls dann nicht, wenn man weiß, dass die Kindheit das Problem oder der Auslöser ist. Denn wenn man bewusst weiß, dass die eigenen nennen wir sie jetzt mal Defizite ihren Ursprung in der Kindheit haben, kann man etwas dagegen unternehmen. Wenn einem nicht gefällt, wie man ist oder wenn man weiß, dass man Erlebnisse aus der Kindheit nicht verarbeitet hat und sich deshalb so oder so verhält, kann man etwas daran ändern. Entweder man arbeitet hart allein an sich oder man holt sich Hilfe in Form von Therapie. Wenn man allerdings nicht bereit ist, an sich zu arbeiten, ob nun mit oder ohne Therapeuten, dann ist die Kindheit auch keine Entschuldigung mehr. Dann verhält man sich bewusst so oder man nimmt es einfach so hin. Aber irgendwann muss man sich von seiner Kindheit lösen können.

Ich versuche das gerade. Ich denke viel über mich und mein Leben nach. Warum verhalte ich mich so oder so und warum fühle ich dies oder das. Ich möchte für mich mit dem „Kapitel Vater“ abschließen. Ich möchte nicht mehr traurig darüber sein, dass mich mein Vater nicht zum Altar geführt hat. Ich möchte mich nicht mehr verlassen, ungeliebt und ungewollt fühlen. Ich möchte mich nicht mehr darüber ärgern, dass er bei unserem letzten Treffen von den tollen Töchtern seiner neuen Freundin geschwärmt hat, zu deren Fußballturnieren er ja immer geht und sie anfeuert. Danke Papa. Für nichts. Denn zu meinem Chorabend ist damals niemand gekommen.

Ich wohne wieder in dieser Stadt, die so klein ist, dass man sich einfach nicht aus dem Weg gehen kann. Irgendwann werden wir uns also über den Weg laufen. Aber wir sind Fremde. Und das soll auch so bleiben. 

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