Starke Frau vs. Selbstzweifel

Corona ist in aller Munde (im wahrsten Sinne des Wortes) und natürlich auch in unserem engen Kreis ein Thema. Letzte Woche noch haben wir uns ein kleines bisschen darüber lustig gemacht, dass Menschen in Panik geraten und mit allem übertreiben. Einkäufe, Desinfektion, Isolation. Diese Woche siehts schon etwas anders aus. Zwar ist immer noch keine Panik (und das wird auch so bleiben), aber wir sind doch sehr viel umsichtiger und verantwortungsvoller. Wir haben uns zB dagegen entschieden, ein freumiliäres großes Koch“event“ mit ca 15-20 Personen zu veranstalten und sind stattdessen in kleinerer Runde in der Sonne spazieren gegangen. 

Aber tatsächlich ist das gar nicht das Thema, über das ich schreiben will.
Es ist ein Thema, das ich seit nun ca 2 Wochen wieder vermehrt mit mir herumtrage. Ein Thema, das irgendwie immer Thema ist. Mal mehr, mal weniger.

Ende Februar habe ich aus heiterem Himmel meine Kündigung erhalten. Ohne eine konkrete Erklärung dazu. Der Wortlaut war ca „Es liegt nicht an Ihnen. Wir haben uns von der Stelle einfach mehr versprochen.“  In dem Moment war es ein bisschen lustig, denn meine Antwort darauf war: „Haha witzig! Ich wollte übermorgen sowieso kündigen.“ Alle waren im ersten Moment erleichtert. Ich, weil ich mein lange durchdachtes Gespräch nicht führen musste und er, weil die erschrockene Reaktion mit möglichen Tränen und dem Drama ausblieb. 

Nun hatte ich 2 Wochen Zeit, über alles nachzudenken. Schon einen Tag später war klar, dass die Art und Weise, wie ich gegangen wurde, ein Armutszeugnis war. Ich fühlte mich bestärkt in der Entscheidung, das Unternehmen sowieso verlassen zu wollen. Es fand kein Gespräch im Vorfeld statt, in dem mir mitgeteilt wurde, dass die Chefetage unzufrieden war. Ob nun mit mir, meiner Arbeit oder dem Ergebnis dessen. Es wäre einfach professionell gewesen, ein klärendes Gespräch zu führen. 

Nun könnte man sich fragen, warum mich die Kündigung so trifft, wenn ich doch 2 Tage später sowieso kündigen wollte.  Ersteinmal ist es immer schlimmer, wenn man nicht mehr gewollt/ gebraucht wird, als wenn man selbst die Entscheidung trifft zu gehen. 

Das ist ja in einer zwischenmenschlichen Beziehung genauso. 

Bei mir ist es nun so, dass ich schon immer an mir und meinen Fähigkeiten gezweifelt habe. Mal mehr mal weniger. Ich bin zwar auch eine Frau, die ohne viel nachzudenken große Projekte angeht, wenn ich denke, dass es großartig sein könnte. Ich mache lieber als es lange zu zerdenken. Und wenn es dann nicht klappt, dann weiß ich Bescheid und lerne bestenfalls daraus. Das sind dann aber eigenen Projekte, die ich selbst (bis zu einem gewissen Punkt) steuern kann. Arbeite ich aber mit anderen zusammen oder für andere, habe ich große Angst, nicht gut genug zu sein. Wenn ich einen Fehler mache, habe ich Angst, direkt fallengelassen zu werden. 

Einerseits weiß ich, was ich kann. Aber andererseits weiß ich auch, dass es andere gibt, die viel besser sind als ich. Dieses Denken ist ziemlich dumm. Denn es gibt eigentlich immer Menschen, die „besser“ sind, ein größeres Wissen und/oder längere Berufserfahrung haben.  Es gibt Menschen, die sowas total anspornt. „Mir fehlen Skills? Ich weiß etwas nicht? Ja geil! Dann eigne ich mir das an und lerne dazu!“  Ich bin da nicht so. Ich mache mir Gedanken und Sorgen und habe einfach Angst nicht den Ansprüchen meines Gegenübers zu genügen. Und ja klar. Dann irgendwann versuche ich, mich zu verbessern und meine Arbeit zu optimieren.

Ich weiß, dass ich was kann. Und ich weiß auch, dass meine Arbeit etwas wert ist. 

EIGENTLICH bin ich eine starke und unabhängige Frau. Ich will respektiert und fair bezahlt werden. Und das konnte ich bisher auch gut um- und durchsetzen. Wenn ich dann aber kriege, was ich gefordert habe, mache ich mir Gedanken darüber, ob ich die Erwartungen erfüllen kann. Die starke Frau, die ich eigentlich bin und versuche nach außen hin zu präsentieren, versinkt in Selbstzweifel. Ich habe diese Zweifel auch nicht nur in Bezug auf Jobs, sondern auch in Beziehungen. Ich habe Angst, nicht zu genügen. Ich habe Angst, sofort verlassen zu werden, wenn ich sage, was mich stört. Ich habe immer lieber zurückgesteckt als auszusprechen, dass ich unzufrieden bin. 

In den letzten zwei Jahren ist das besser geworden. Ich sage, wenn mich etwas stört. Ich kommuniziere mehr. Ich spreche häufiger aus, was ich denke. Und bisher läuft das ganz gut. 

Aber woher kommt die Angst vor Unzulänglichkeit und Ablehnung? Woher kommen die Zweifel und die Unfähigkeit zu kommunizieren? Ich glaube zu wissen, dass ein großer Teil davon aus meiner Kindheit stammt. Wenn zB der eigene Vater kein Interesse an einem hat, macht das schon ganz viel mit dem Selbstbewusstsein. Die Natur sieht doch eigentlich vor, dass man seine Kinder liebt. Und wenn selbst das nicht reicht, muss der Fehler doch bei einem selbst liegen, oder? FALSCH! Dass das völliger Quatsch ist, dass ich genug bin, dass ich ein großherziger und wirklich liebenswerter, emphatischer und toller Mensch bin, weiß ich alles. Mein Verstand weiß das. Aber psychische Gesundheit hat mit dem Verstand wenig zu tun. 

Es liest sich jetzt vielleicht etwas dramatischer als es in Wirklichkeit ist. Es geht mir nicht super schlecht. Da passiert nur gerade ein großes Gedankenkarrussel in meinem Kopf. Manchmal dreht es sich langsam, gerade aber relativ schnell.

Und natürlich gebe ich nicht meinem Vater (und meiner sonstigen Kindheit) die Schuld an allem. Aber es hat mich doch stark geprägt.  Ich bin, wie schon in einem früheren Text geschrieben, absolut kein Fan davon, seiner Kindheit die Schuld für das heutige Verhalten zu geben. Denn wenn man weiß, wo der Schuh drückt, kann man daran arbeiten. Wenn man schon so weit ist, dass man weiß, woher die Struggles kommen, die einen täglich begleiten, beeinflussen und vor allem beeinträchtigen, kann man speziell dort ansetzen. 

Ich sage mir täglich, dass ich genug bin. Dass ich es verdient habe, geliebt zu werden. Dass ich zwar nicht die beste in meinem Job bin, aber weit davon entfernt die schlechteste zu sein. 

Und wenn es mal doch nicht reicht, ist es auch ok. Nicht jeder liebt mich. Nicht jedem reicht, was ich zu geben habe. Nicht jeder kann damit umgehen, dass ich an manchen Tagen stark und an anderen voll von Selbstzweifeln bin. Aber die, die das können, sind die wichtigen und richtigen Menschen für mich. 

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