Me too.

Nachdem ich die aktuellen Meldungen über sexuelle Übergriffe auf dem Oktoberfest und die unglaubliche Geschichte von Christine Blasey Ford gelesen habe, musste ich heute daran denken, was mir früher mal im Schwimmunterricht passiert ist.

Ich denke nicht oft daran. Aber heute ist es mir wieder eingefallen und ich bin schockiert über die Reaktionen damals.

Mal von vorne:

Damals im Schwimmunterricht…wann mag das gewesen sein? Auf jeden Fall schon auf dem Gymnasium. Ich würde meinen, dass es so in der 5.. oder 6. Klasse war. Somit war ich 12 oder 13 Jahre alt.

Zu dem Zeitpunkt hatte ich noch keine nennenswerten sexuellen Erfahrungen mit dem anderen Geschlecht gemacht. Das einzige Erlebnis bis dahin war eine Knutscherei mit einer Mitschülerin in der 4. Klasse. Oder 5. Klasse? Keine Ahnung. Man wollte mal ausprobieren, wie das so ist. Ich weiß noch, dass es feucht war und irgendwie gut. Hat sich aber nie wiederholt.

Ich schweife ab. Damals im Schwimmunterricht ist etwas passiert. Der Unterricht war fast zu Ende und wir sollten alle aus dem Becken steigen. Ich weiß noch, wie unangenehm mir der Schwimmunterricht immer war. Halb nackt vor all den Mitschülern! Ein Horror! Ich stieg also an einer Leiter aus dem Becken, hinter mir ein Mitschüler. Wenn man an so einer Leiter hochsteigt, streckt man unweigerlich den Hintern raus. Man hält sich an den Griffen fest, hieft sich aus dem Wasser und der Hintern reckt nach hinten raus. Diesen Moment hat M. (männlich) genutzt, um mir seinen Finger ein paar Mail in meine (natürlich von meinem Badeanzug bedeckte) Muschi zu rammen. Natürlich kam er durch den Badeanzugstoff nicht weit. Ich weiß noch, wie schockiert ich war und wie weh es tat. Vor Schock wusste ich gar nicht, wie ich darauf reagieren sollte. Wieder Frau meiner Sinne habe ich ihn am Beckenrand angeschrien und geschubst. Was ihm denn einfiele. Er hat nur gelacht und gesagt „Ach komm! Da stehst du doch drauf!“. Alle anderen hatten die Aktion entweder nicht gesehen oder es war ihnen unangenehm, sodass mir niemand beistand und sich dazu äußerte. Ich habe geweint und bin mit den anderen Mädchen in die Umkleide gegangen. Es wurde getuschelt, aber niemand sagte wirklich etwas.

Als ich später heim kam, war ich immer noch total verstört von dem Erlebnis und erzählte meiner Oma (ich wohnte zu der Zeit bei meinen Großeltern) davon. Sie hörte mir zu und sagte „Ach das hast du bestimmt falsch verstanden.“ Ich war abermals schockiert. Ich fragte sie, wie man das falsch verstehen kann, wenn ein Junge einem Mädchen einen Finger zwischen die Beine rammt!? Was dann kam, weiß ich nicht mehr. Auf jeden Fall wurde alles irgendwie abgetan und das Thema gewechselt.

Leider kommt solch ein Verhalten häufig vor. Frauen/ Mädchen überwinden sich und erzählen von ihrem Missbrauch/ ihrer sexuellen Belästigung und werden nicht ernst genommen oder es wird ihnen gar nicht erst geglaubt.

Und aus Angst, dass ihnen nicht geglaubt werden könnte oder dass sie als Opfer dastehen könnten oder dass der Mann, der ihr das angetan hat, vielleicht zurückkommen und ihr weitere Dinge antun könnte, wird lieber geduldet und der Mund gehalten. Das ist schlimm und traurig und macht mich wütend.

Heute bin ich wieder schockiert. Schockiert davon, dass Frauen und Kinder so etwas tun und erleiden müssen.

Schockiert davon, dass niemand geholfen hat. (Ja es waren Kinder/ Teenager…aber irgendwie denke ich, dass da mehr geht.)

Schockiert davon, dass ich nicht ernst genommen wurde.

Schockiert davon, dass die ältere Generation damals, in dem Fall meine Oma, es vielleicht nicht schlimm fand. Dass es dazu gehörte, dass Männer Frauen so etwas antun.

Schockiert davon, dass so etwas heute immer noch passiert. Und noch viel mehr und noch viel schlimmer.

Damals war mir nicht bewusst, dass das sexuelle Belästigung war. Heutzutage kann sexuelle Belästigung schon ein Klaps auf den Po oder ein falsches Wort sein.

Damals gab es die Bezeichnung „Sexuelle Belästigung“ wahrscheinlich noch nicht einmal.

Vielleicht ist schockiert das falsche Wort.

Ich bin nicht schockiert, dass Frauen genötigt, vergewaltigt, unterdrückt und diskriminiert werden. Es macht mich traurig und wütend. Genauso traurig und wütend bin ich darüber, dass ich damals keine Unterstützung erhalten habe. Und dass M. sowas möglicherweise noch häufiger bei anderen Mädchen gemach hat.

Wir sind schon ein großes Stück weiter. Aber leider noch nicht weit genug.

Absurderweise finden es viele Männer immer noch ok, sich einfach von Frauen das zu nehmen, was sie wollen. Ob die betroffene Frau damit nun einverstanden ist oder nicht. Oder sie finden es witzig, Frauen anzufassen. Ist ja nicht so schlimm und sie soll sich doch bitte nicht so anstellen. Und eigentlich will sie es doch auch. Immerhin hat sie ihre Brüste hochgeschnürt, ihren Arsch rausgestreckt oder einen kurzen Rock angezogen.

Das ist absurd und geht in meinen Kopf nicht rein.

Wenn meinem (noch nicht vorhandenen) Kind soetwas passieren würde…ich weiß nicht, was ich täte. Die ersten Gedanken hätten wahrscheinlich mit fehlenden oder gebrochenen Fingern zu tun.

Der zweite Gedanke wäre wahrscheinlich (hoffentlich) Aufklärung. Denn ich glaube, dass ein Kind/ Teenager so etwas nicht von allein macht. So ein Verhalten wird vorgelebt oder nicht aufgeklärt (zB dass Porno nicht der Realität entspricht…).

Und der allererste Gedanke ist, dass ich hoffe, dass meinen Kindern soetwas erspart bleibt. Dass in Zukunft allen Menschen soetwas erspart bleibt. Denn vielleicht regnet es ja doch irgendwann Hirn und Empathie. Wer weiß.

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