Kind oder nicht Kind. Das ist hier die Frage.



In den letzten 2 Wochen habe ich mich vermehrt mit einem Thema beschäftigt, das für Frauen ab 30 omnipräsent ist. Zumindest dann, wenn (noch) keine Kinder „vorhanden“ sind. Es geht um ebendies. Kinderlosigkeit. Klingt erstmal, als hätte man (frau!) etwas falsch gemacht. -losigkeit ist doch eigentlich nie gut, oder? 

In meinem Umfeld haben erstaunlich wenige Menschen Kinder. Dachte ich. Allerdings ist es eher so, dass in meinem berliner Freundeskreis kaum Kinder zu finden sind. In Lübeck hingegen haben fast alle meine Freunde Kinder. Oder sind gerade dabei, welche zu…kriegen? Machen? Naja auf jeden Fall sind bald mehr da als jetzt.

Ist das ein Trend? In Großstädten haben weniger Menschen Kinder als in Kleinstädten? Prenzlauer Berg bestätigt diese Vermutung jedenfalls nicht. Aber das ist wieder ein anderes Thema.

Kinder. Tatsächlich habe ich schon früh angefangen zu sagen, dass ich keine Kinder will. Da war ich wohl gerade geschlechtsreif (auch so ein furchtbares Wort!). Ich erinnere mich sehr gut daran, dass ich diesen Satz auch in fortgeschrittenem Alter häufiger wiederholt habe. Immer wurde mir entgegnet, dass ich das ja noch gar nicht wissen könne und erstmal abwarten solle. Zwischendurch waren da auch mal kleine Momente, in denen ich dachte, dass ich mir doch vorstellen könnte, ein Kind zu bekommen. Das war meistens dann, wenn um mich rum doch mal ein Baby auftauchte. 

Auch mit Mitte 20 war ich noch der Meinung, keine Mama sein zu wollen. In dem Alter wurde mir dann nicht mehr gesagt, dass ich das ja noch gar nicht wissen könne. Stattdessen hörte ich Sätze wie „Aber stell dir mal vor, du bereust irgendwann deine Entscheidung?! Wenn du dann 50/ 60/ 70/ whatever bist, ist es zu spät! Und stell dir mal vor, du bist alt und da ist keiner, der sich um dich kümmert!“ Really? Ich soll vorsorglich ein Kind bekommen, weil ich es sonst vielleicht mal bereue? Betrifft das dann nicht mein ganzes Leben? Ich bin eher kein Mensch, der etwas wirklich bereut. Jede Entscheidung, die ich jemals getroffen habe, ist Teil meines Lebens und hat mich zu dem Menschen gemacht, der ich heute bin. Und der ist ganz ok.

Und zu dem Punkt „Allein im Alter ohne Kinder“: Wer sagt mir denn, dass ich überhaupt alt werde? Oder wer sagt mir, dass mein Kind nicht schon vor mir stirbt? Oder wer garantiert mir, dass ich nicht unsere Familientradition weiterführe und mit meinem Kind breche? Und überhaupt: wer bin ich denn, dass ich meinem Kind die Bürde auferlege, sich um mich zu kümmern und mir Gesellschaft zu leisten, wenn ich alt bin? Das ist schon ein krasser Erwartungsdruck, den ich niemandem wünsche. 

Ich glaube, dass mein fehlender Drang nach Reproduktion auch mit daran liegt, dass ich ein heiles Familienleben nur bei meinen Freunden erlebt habe. Ich wurde geliebt! Keine Frage! Aber trotzdem habe ich tief in meinem Inneren Angst, mein Kind nicht genug lieben zu können. Was mach ich denn, wenn ich feststelle, dass ich nicht genug Liebe aufbringen kann, um mich ein Stück weit aufzugeben. Und jetzt kommt mir nicht damit, dass man sich nicht aufgibt. Entscheidet man sich für ein Kind, entscheidet man sich für das Kind. Ist das Kind mal krank, geht man nicht zum schon geplanten und gebuchten Konzert. (Hier noch tausend andere Beispiele einfügen)

Was ist denn, wenn ich es bereue, ein Kind bekommen zu haben?

Was ist denn, wenn ich es bereue, ein Kind bekommen zu haben, wenn es schon zu spät ist? Darüber spricht nämlich niemand. Es wird nur gesagt, dass man als Frau ja gucken muss, dass man nicht zu lange wartet, denn sonst ist es vielleicht irgendwann zu spät. Und DANN bereust du es womöglich so lange gewartet zu haben! Aber was ist denn, wenn es andersrum ist? Dann ist es nämlich wirklich zu spät. Dann bist du verantwortlich für das verkorkste Leben eines anderen. Und dann bekommst du noch weniger Verständnis als jetzt schon. Jetzt wird gesagt: „Ja gut. Ist halt nicht für jeden was.“ Aber vorher muss man (frau!) sich erklären. Ist das Kind aber erstmal da und man (frau!) kann nicht die nötigen Gefühle aufbringen, darf darüber nicht gesprochen werden. 

Viele sagen, dass die Muttergefühle mit den Hormonen kommen. Garantieren kann das aber niemand. 

In der Gesellschaft ist es immer noch angesehen und normal, dass frau spätestens in ihren 30ern Kinder bekommt. Kinder. Das sagt sich auch so schön im Plural. Mindestens eins auf jeden Fall. Wenn dann eins da ist und das drumherum stimmt, wird auch direkt gefragt, ob man nicht noch ein zweites haben will. Am besten im Abstand von 1-3 Jahren. Dann können die Kleinen auch so super miteinander spielen. 

Woran liegt das nur? Wahrscheinlich daran, dass es in den letzten Jahrhunderten und Jahrtausenden einfach so war. Eine Frau sucht sich einen Mann (oder wird gefunden. Whatever.), heiratet und bekommt Kinder. Wegen der Kinder bleibt sie die meiste Zeit zu Hause, kümmert sich um die Familie und den Haushalt und muss dann einfach damit leben, dass sie weniger verdient als der Mann, wenn sie dann vielleicht irgendwann zurück in den Job geht. 

Dank vieler starker Frauen, die sich für die Rechte der Frauen einsetzen, knackst es mittlerweile ganz schön in diesem „normalen“ Konstrukt. Aber bis Frauen wirklich machen können, was sie wollen und einfach ein selbstbestimmtes Leben (ob nun mit oder ohne Kinder) führen können…bis dahin ist noch ein weiter Weg. Denn leider ist es in den Köpfen der Menschen noch zu tief verankert, dass es normal ist, dass eine Frau in den 30ern mindestens ein Kind hat. Und somit nicht normal, wenn dem nicht so ist.

Ich muss sagen, dass ich mir nicht zu 100% sicher bin, ob ich nun ohne Kind bleiben will oder nicht. Aber das muss ich ja auch nicht sein. Im Moment bin ich ganz zufrieden so wie es ist. Ich trage die Verantwortung für meinen Hund und für mich und das ist gerade genau so viel Verantwortung, wie ich vertrage, bzw tragen kann und will. Viellicht kickt mein Körper ja doch irgendwann noch ein paar Bald-ist-es-zu-spät-Hormone raus und ich kann mir nichts schöneres vorstellen als Mama zu sein. Vielleicht auch nicht. 

Eine Freundin von mir ist gerade schwanger, eine andere hat vor einem halben Jahr ein Baby bekommen. Wir saßen vor ein paar Wochen alle zusammen am Frühstückstisch und alle erzählten von ihren Kindern und wie es ist schwanger zu sein und wie entzückt alle darüber seien, dass klein Erna ihr erstes Wort gesagt hat. Ich war die einzige kinderlose Person am Tisch und fühlte mich komisch. Ein bisschen so wie in der Grundschule. Als hätte ich das neueste Nintendospiel nicht, das alle grad so abfeiern. Nein quatsch das ist ein doofer Vergleich. Aber es fühlte sich komisch an. Ich fragte mich, ob mir das fehlt. Ob mir ein kleiner Mensch in meinem Leben fehlt. Mit diesem etwas auf meine Brust drückenden Gefühl ging ich nach Hause. Meine Mitbewohnerin hatte an dem Tag Besuch von einer Freundin, die ihre beiden Jungs (3 und 5 Jahre) dabei hatte. Ich wurde von lautem Gebrüll und einem dezent verwüsteten Wohnzimmer begrüßt. Es war, als hätte mir jemand in die Seite gestochen, um meinen Pneumothorax zu lösen (Yeah! Ich wollte schon immer mein gesammeltes Greys Anatomy Wissen irgendwo anwenden!). Ich konnte frei atmen und war wieder zufrieden mit mir, meinen Entscheidungen und meinem Leben. 

In letzter Zeit habe ich auch in diesem Internet den einen oder anderen Artikel darüber gelesen, dass Frauen aus umwelttechnischen Gründen auf Kinder verzichten. Für viele ist das Quatsch, ich finde das ok. Das wäre jetzt nicht mein Argument, aber ich kann nicht sagen, dass ich das doof oder unsinnig finde. Zum einen bin ich so nicht gestrickt. Ich bin der Meinung, dass jede*r machen (oder eben lassen) sollte, wonach ihm oder ihr ist, solange es kein anderes Lebewesen verletzt oder diskriminiert. Zum anderen macht der Umweltaspekt in meinen Augen auch Sinn. Die Erde leidet stark unter der Menschheit. Das ist Fakt. Wenn man (frau!) entscheidet, aus diesem Grund keinen weiteren Menschen der Überbevölkerung hinzuzufügen, finde ich das absolut legitim und durchdacht. 

Abschließend möchte ich sagen, dass ich Kinder nicht hasse. So ganz und gar nicht. Es ist nur so, dass ich mit fremden Kindern, zu denen ich keinen freundschaftlichen oder familiären Bezug habe, nichts anfangen kann. Fremde Kinder nerven mich meistens. Ich kann ihnen nichts abgewinnen und finde sie auch nicht süß. Wenn mir jemand ein Foto eines Baby zeigt, sehe ich einen kleinen hilflosen Menschen mit komischer Frisur. 

Zeigt man mir allerdings ein Foto eines Tierbabys bin ich direkt hingerissen und gebe Laute von mir, als hätte ich grad…ein Tierbaby gesehen. 

Kinder von Freunden sind meistens super! Ich kann den ganzen Tag  mit ihnen singen, basteln, puzzeln und ihnen vorlesen! Allerdings ist das allerbeste an ihnen, dass ich abends nach Hause gehen kann und dort meine Ruhe habe. 

Ob sich meine Meinung und vor allem auch meine Gefühle dazu noch ändern werden, kann ich heute nicht sagen. Aber wie gesagt: das muss ich ja auch nicht.

(Das Foto hat die tolle Bianca Jankovska in Hamburg von mir geschossen.) 
(Werbung, weil Person verlinkt?)

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1 Kommentar

  1. Weißt du, was ich an deinen Texten so liebe? Dass du nie Kategorien wie „richtig“ oder „falsch“ aufmachst und jeden Menschen seinen eigenen Weg gehen lässt ❤

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