Ein Text übers Nicht-Schreiben

Warum schreibe ich eigentlich nicht mehr? Das frage ich mich schon länger und tatsächlich fragen mich das auch andere. Was ist eigentlich mit deinem Blog? Was ist mit dem Podcast? Ehrlich? Keine Ahnung. 
Vielleicht hat diese Stadt mich weich gemacht. Das erste Wort, welches mir gerade einfiel, bevor ich „weich“ schrieb, war „gleichgültig“. Aber das stimmt natürlich nicht. Ich habe immer noch eine Meinung. Nur habe ich häufig keine Lust, sie laut kund zu tun. 
Lübeck hat mich so weich gemacht, wie Berlin mich fertig gemacht hat. Ich bin wieder die entspannte Frau, die ich war, als ich gerade in Berlin angekommen war. Ich pöbel nicht mehr wegen jeder Kleinigkeit Menschen auf der Straße an. Oder vielleicht doch…nur hab ich hier weniger Grund dazu. In Berlin sieht man ja an jeder Straßenecke etwas oder jemand bepöbelnswertes/n. 
Ich habe häufig gedacht „Ja! Darüber schreib ich wieder!“ Zum Beispiel als ich 36 wurde und das irgendwie gar nicht so spurlos an mir vorbeiging, wie ich gehofft hatte. Ich habe mich gefragt, warum 35 total ok ist und 36 nicht mehr. Also…natürlich ist 36 total ok. Schon allein, weil sie sich durch 2 teilen lässt (mag gerade Zahlen irgendwie lieber als ungerade). Vielleicht ist die 36 so sichtbar näher an der 40 als die 35 es war. Keine Ahnung. Und da hörte es eben schon wieder auf. Ich hakte es ab mit „Keine Ahnung. Ist halt so. Aber schlimm ist es irgendwie auch nicht und ändern kann ich sowieso nichts dran.“ Also nicht drüberschreibenswert. 
Ich könnte darüber schreiben, dass ich innerhalb des letzten Jahres wieder zu mir gefunden habe. Ich mag mich langsam wieder. Mich und auch meinen Körper, der wieder langsam der wird, der er mal war.  Ich könnte darüber schreiben, dass ich meine rosa Haare nicht mehr gefühlt habe und deshalb wieder braune habe. Nach 6 Jahren! Wow! Eine Ära geht zu Ende. Oder werde ich „endlich“ erwachsen?
Ich könnte darüber schreiben, dass es mich doll genervt hat, als meine Familie zu den kurzen braunen Haaren sagte: „Toll! Du hast ja wieder normale Haare!“ Genervt hat mich das Wort normal. Warum will ich nicht normal sein? Warum muss es immer anders sein? Besonders? Warum empfinde ich so eine Abneigung gegen das Wort und den Zustand normal?
Ich könnte darüber schreiben, dass ich eigentlich dieses ruhige Leben super finde, mich aber irgendwie „uncool“ finde. 
Ich könnte darüber schreiben, dass ich es total bescheuert finde, dass ich mich und mein Leben uncool finde.
Ich könnte darüber schreiben, dass ich es echt krass finde, in welcher Blase ich in Berlin gelebt habe! In Berlin sind gefühlt 70% der Leute Vegetarier oder Veganer. In Lübeck ca 7%. 
Ich könnte auch darüber schreiben, dass es noch Männer gibt, die keine Ahnung haben, wie sie sich ihren Kolleginnen gegenüber normal verhalten sollen. Witzig zu sein ohne anzügliche Bemerkungen zu machen. Den Abstand wahren, der angemessen ist. Ist das Unsicherheit? Ist das eine Demonstration von Macht? Unwissen? Charakter? Dummheit? Vielleicht alles davon? (Wahrscheinlich nur 2 davon.)
Ich könnte darüber schreiben, dass mein zukünftiger Ex-Ehemann wieder eine Freundin hat und mich das für ein paar Wochen echt aus der Bahn geworfen hat. Dass mich meine Reaktion selbst überrascht hat! Dass mein Körper hat Wasser aus meinen Augen schießen lassen, ohne dass ich es wollte oder hätte aufhalten können. 
Ich könnte darüber schreiben, dass mir Berlin fehlt. Manchmal mehr, manchmal weniger. 
Ich könnte darüber schreiben, dass mir körperliche Nähe fehlt. Manchmal mehr, manchmal weniger.
Ich könnte darüber schreiben, dass ich gern Single bin, aber doch manchmal gern jemanden an meiner Seite hätte. 

Stattdessen schreibe ich darüber, dass ich nicht schreibe. Ein großes wow dafür. Und ein großes wow dafür, dass du es bis hier hin geschafft hast! 
Ich möchte schreiben! Ich möchte den Podcast weitermachen! Ich möchte zeichnen! Ich möchte tätowieren! Aber häufig mache ich das alles einfach nicht. Aus vielerlei Gründen. Keine Zeit. Keine Lust. Müdigkeit. Antriebslosigkeit. Haushalt. Soziales Leben. Zeug.

Und noch eine große Frage stellt sich mir: Schreibe ich heute, weil ich heute nach Berlin fahre? Fühlt sich mein inneres Ich irgendwie schon aus der Ferne von dieser großen bunten Stadt inspiriert? Keine Ahnung. Wenn dann nur unbewusst. Aber so bewusst, dass ich darüber nachdenke. Bla.

Dieser Text mit all den Themen, die mich ja eigentlich bewegen, aber eben doch nicht so sehr, dass ich darüber schreibe, ist vielleicht wieder der Anfang. Wir werden sehen. Danke fürs lesen. Sorry not sorry.

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