Die ewig Junggebliebene

Juli, die ewig Junggebliebene. Die ewig Junggebliebene?

Vorletzte Woche bin ich 37 Jahre alt geworden. Ich fühle diese Zahl nicht. 

Ja und ich weiß: Es ist nur eine Zahl bla. 

Und dennoch habe ich das Gefühl, dieser Zahl irgendwie nicht gerecht zu werden.  Gesellschaftliche Normen und Vorstellungen sagen mir, dass ich an einem anderen Punkt in meinem Leben stehen sollte.

Ich sollte einen Job haben, der mir einiges an Kohle aufs Konto spült. Ich sollte in einer Beziehung leben oder sogar verheiratet sein und mindestens ein Kind haben. Natürlich sollte ich auch ein Auto haben und mindestens einmal im Jahr in den Urlaub fahren. Ich sollte eine verantwortungsvolle Frau sein, die „mit beiden Beinen im Leben steht“. Oh und ich sollte kochen können und den Haushalt im Griff haben. 

Was man halt mit 37 so macht und hat.

Diese Vorstellung einer Frau, die hart auf die 40 zugeht, könnte von meinem Leben kaum weiter entfernt sein. 

  • Ein Job, der mein Konto füllt? Fehlanzeige.
  • Beziehung? Frisch geschieden. Single seit nunmehr knapp 2 Jahren.
  • Kinder? Keine da und auch keine Lust. 
  • Auto? Bin seit 12 Jahren (oder länger du meine Güte!) nicht mehr gefahren. Außerdem braucht man dafür Kohle. Genau wie für den Urlaub.
  • Ergo Urlaub: Nope.
  • Kochen? Puh…wahrscheinlich kann ich es besser als ich denke…tu es aber echt nicht gern. Pizza und Nudeln!
  • Haushalt? Joa…mal mehr mal weniger gut. Meistens räume ich auf und putze, wenn ich Besuch erwarte. 

Im Großen und Ganzen kann ich behaupten, dass ich eher das Leben einer Frau führe, das man von einer Anfang Zwanzigjährigen erwartet.

Ich habe keine Lust auf Verantwortung, die weiter geht als mich und den Hund zu versorgen.

Ich halte mich viel auf Tinder auf.

Ich weiß am Anfang des Monats nicht, ob mein Geld bis zum Ende des Monats reichen wird.

Ich ernähre mich hauptsächlich von Pizza, Nudeln, Schokolade und Nougat Bits. 

Die Fragen, die ich mir stelle, sind also die:

  1. Habe ich mein Leben im Griff?
  2. Ist es ok, wie ich mein Leben führe?
  3. Wo will ich hin? Sagen wir mal so bis 40.
  1. Mal so mal so. Ehrlich gesagt hatte ich mir im Mai absichtlich vorgenommen, einen fantastischen Sommer mit Kunst, Bier und Sex zu verbringen. Hätte von allem mehr sein können. Aber definitiv auch weniger. Sehr bewusst habe ich alles irgendwie schleifen lassen, um mich und mein Leben zu fühlen. Um herauszufinden, was ich denn will. Von mir und meinem Leben. In diesem Sommer habe ich mich scheiden lassen, die Kunst wieder für mich entdeckt und gemerkt, wie sehr mir der Sex gefehlt hat. Denn die letzten 2 Jahre habe ich ebenfalls sehr bewusst darauf verzichtet, mich in irgendwelche Männergeschichten zu verrennen (was auch den Verzicht auf körperliche Nähe beinhaltete). Hat relativ gut funktioniert. Bis auf diesen Einzelfall. Aber hey. In den letzten 2 Jahren habe ich mich selbst wiedergefunden und das wollte ich diesen Sommer fühlen. Nun ist der Sommer fast vorbei und ich muss mich neu ordnen. Einen Plan machen. Einige Ideen und Pläne stehen in den Startlöchern. Ein neuer Podcast, eine Umschulung/ Weiterbildung, ein neuer kleiner Job in der Gastro. Und auch dieses Pläne klingen eher nach Mitte 20 als nach Ende 30. Was mich zu
  2. führt. JA! Es ist ok. Dass ich das Gefühl habe, nicht meinem Alter gerecht zu leben, liegt an der Erwartungshaltung der Gesellschaft. All dieses „Sollte“ kann nämlich echt stressen. Wir müssen uns frei machen von den Normen und den Erwartungen! Es ist total ok, eine ungebundene Frau zu sein, die keine Kinder will, die keine Lust auf einen Vollzeit-Büro-Job hat und die „lockere“ Bekanntschaften einer festen Beziehung (zumindest im Moment) vorzieht! Geht es nicht am Ende einfach darum, dass man sich wohlfühlt!? 
  3. Und doch gibt es einige „Solltes“ in meinem Leben. Vor allem das „Ich sollte wissen, wo mein Leben hingehen soll.“ 2x soll(te). Also? Wo will ich hin? Ich weiß es nicht. Jedenfalls nicht genau. Ich habe keinen 5 Jahresplan, der beinhaltet, dass ich ein Haus haben werde. Oder CEO von Wasweißichwas sein werde. Karriere machen? Och…hab ich ja irgendwie schon hinter mir. Unternehmerin war ich schon. Chefin war ich schon. Im Moment lehne ich diese Verantwortung ja auch ab. Und ich bin mir ziemlich sicher, dass ich nie wieder Chefin von irgendwem sein möchte. Woher soll ich denn wissen, was in 5 Jahren ist? Ich weiß, dass ich ein selbstbestimmtes Leben führen will. Am liebsten malen und schreiben und damit meinen Lebensunterhalt verdienen. Das Problem damit ist, dass ich zu wenig male und schreibe als dass das funktionieren könnte. Ich (Achtung!) sollte mehr schreiben und malen, wenn ich davon leben will. Irgendwas hält mich aber häufig davon ab, weil ich Angst habe, dass das nicht funktionieren wird. Und anstatt einfach loszulegen und es zu versuchen, befinde ich mich oft in einer Art Schockstarre. Dabei rate ich jeder/m dazu einfach zu machen! „No one gets remembered for the things they didn’t do.“ So sang es schon Frank Turner in Peggy sang the blues. Ich muss (sollte? 😉 ) mich dringend an meine eigenen Ratschläge halten. 

Abschließend kann ich sagen, dass ich den häufig bei Tinder als rechts-swipe Kriterium genannten Begriff „Mit beiden Beinen im Leben stehen“ nicht verstehe. Was soll das heißen? Ich habe zwei Beine und lebe. Reicht das? Für mich schon. Jedenfalls im Moment.

Du magst vielleicht auch

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.