Burnout


Burnout. Ich hasse dieses Wort!

Wenn man es allerdings einmal darauf herunterbricht, was es bedeutet, klingt es doch wieder ganz passend. Ausgebrannt.

Ich habe immer die Augen gerollt über Leute, die meinten, sie hätten ein(en?) Burnout. Ja…du bist ein bisschen überarbeitet. Mach mal Urlaub und dann gehts schon wieder.

Mein „Urlaub“ dauert jetzt schon 7 Monate und langsam fühle ich, wie die Energie zurückkehrt. Wie ich mir langsam wieder vorstellen kann, arbeiten zu gehen.

Was ich in den letzten 7 Monaten gemacht habe? Viel auf der Couch gelegen, Netflix geguckt, Pizza, Nudeln und Schokolade gefuttert und mich um den Hund gekümmert. Der Hund hat mir sehr geholfen in der Zeit! Er hat mich täglich zum Lachen gebracht und mich natürlich dazu bewegt, mich zu bewegen. Denn so ein Hund muss ja auch das ein oder andere Mal am Tag wichtige Geschäfte erledigen gehen.

Außerdem habe ich jeden Tag gedacht, dass das ja nicht alles sein kann, was ich so den Tag über schaffe. Aufstehen, Kaffee trinken, Gassi gehen, essen, fernsehen und wieder schlafen gehen. An 90% der Tage war das aber alles, was ich geschafft habe. Und war auch noch richtig stolz darauf! Hey! Ich bin aufgestanden! Und rausgegangen! Und ich habe Wäsche gewaschen UND sie aufgehängt! Das waren so meine Highlights. Ganz manchmal habe ich mich „draussen“ mit Menschen getroffen. Mal ein Kaffee, mal zu nem Markt, mal ein Spieleabend. Und ich liebte das! Draußen sein, mit Menschen reden! Sowas mach ich morgen nochmal! Das hat so viel Spaß gemacht! Das mach ich jetzt häufiger. Aber das Aufraffen ist das Schlimmste. Wenn ich erstmal draußen war, lief es super! Wenn ich aber zu Hause war und die Möglichkeit hatte, zu Hause zu bleiben, blieb ich zu Hause.

Ich versuchte sogar, mich selbst zu überlisten. Ich schrieb mir feste Aufgaben und Termine für eine Woche auf. Aber wen kümmert es schon, wenn ich das alles nicht mache und einhalte? Niemanden. Also blieb ich wieder zu Hause.

Ich habe mich also 7 Monate mit schlechtem Gewissen ausgeruht. Ich hatte ein schlechtes Gewissen vor mir selbst, vor meinem Mann, der täglich zur Arbeit ging und fragte, was ich so den Tag über getrieben habe und ein schlechtes Gewissen vor der Gesellschaft, die ja auch täglich arbeiten ging. Und das ist das Problem. Diese Gesellschaft, zu der ich mich ja davor auch zählte,  erwartet, dass man fit ist. Dass man arbeiten geht. Und wenn man äußerlich nicht sieht, dass jemand krank ist, dann ist er auch nicht krank. Also war ich nicht krank.

Tatsächlich möchte ich auch gar nicht sagen, dass ich krank war. Oder noch bin. Aber so ist es wohl.

Wenn der Job deine schlechtesten Seiten in dir zum Vorschein bringt und dich von Grund auf in deiner Persönlichkeit verändert, dann hast du einen Burnout.

Mich hat alles und jeder aggressiv gemacht. Ich war pessimistisch und ständig grundlos traurig. Und müde. So müde. Außerdem unmotiviert, antriebslos und lustlos.

Ich merke gerade, wie ich in der Vergangenheitsform schreibe. Vieles trifft immer noch zu. Aber ich habe jetzt die Kraft und Lust, darüber nachzudenken. Und ich weiß, dass es besser wird. Denn es ist schon besser. Ich will wieder rausgehen! Ich will wieder kreativ sein! Nur am Antrieb scheiterts oft noch. Wenn ich verabredet bin gehts. Wenn ich mir selbst etwas vornehme, wird’s schon schwieriger. Aber ich weiß, dass ich das auch schaffen werde! Jeden Tag ein Schritt weiter.

Jemand, der das noch nicht erlebt hat, weiß wahrscheinlich nicht, wie das ist. Und kann sich nur schwer vorstellen, wie man sich in so einer Situation fühlt.

Wenn Menschen mich fragen, wie es mir geht, sage ich „gut“. Denn es stimmt ja auch. Beziehungsweise wäre die richtige Antwort wohl „besser“. Aber diese Antwort würde diverse Fragen nach sich ziehen und darauf habe ich keine Lust.

Ich sage, dass es mir gut geht. Wenn ich erzähle, was ich so den ganzen Tag mache, beneiden mich die Leute. „Whoa! So ein Leben hätte ich auch gern! Mal ein paar Monate nichts tun! Voll entspannt!“ Jaaaaa…..nein. Entspannt ist es eben nicht. Es ist eher zermürbend, dass man nichts schafft, nichts erschafft.

Und es wird auch nicht besser, dass man (also ich) so viel futtert ohne sich zu  bewegen. Denn das führt dazu, dass man (also ich) zunimmt. Viel zunimmt. Das wiederum führt dazu, dass man sich selbst hässlich findet und dadurch noch viel weniger rausgehen will. Und für ein besseres Gefühl im Kopf holt man (also ich) sich noch mehr Pizza und Schokolade, Denn das gibt für einen kurzen Moment ein Glücksgefühl. Aber eben nur solange, wie es dauert. Danach ist man satt und fühlt sich noch weniger gut…um es vorsichtig auszurücken.

Ich fasse also zusammen:

Man ist völlig fertig mit der Welt und braucht eine Auszeit. Man nimmt sich die Auszeit, hat aber das Gefühl, man müsste etwas tun, arbeiten gehen oder sonstwas schaffen. Man hat also ein schlechtes Gewissen, welches einen noch weiter runterzieht. Pizza ist dein Freund. Pizza versteht dich! Schokolade ist deine Freundin. Schokolade versteht dich!

Jedem, der in so einer Situation ist: ES WIRD BESSER! Entweder hilft dir die Zeit, dein Partner, deine Familie, deine Freunde oder auch ein Mensch, der professionell Ahnung hat (Arzt, Psychologe). Gut ist, wenn man sich mit Menschen unterhält, die so etwas schon mal durchgemacht haben! Denn die verstehen dich wirklich!

Und jeder Tag, an dem du vor die Tür gehst, an dem du dich mit Leuten triffst, ist ein Erfolg! Und wenn du es mal nicht schaffst, dann ist das auch ok! Du brauchst diese Pause! Dein Körper und dein Geist haben viel geleistet und sind erschöpft. Du hast dir selbst zu viel zugemutet (oder dir wurde zu viel aufgebürdet). Das bedeutet aber nicht, dass du gescheitert bist! Es war in dem Moment einfach zu viel. Vielleicht auch, weil die äußeren Umstände nicht stimmten. Vielleicht lief alles schief. Vielleicht ist jemand gestorben und das konntest du nicht verarbeiten. Vielleicht hast du ein Kind bekommen und alles zusammen hat dich übermannt. Egal warum du ausgebrannt bist: Es ist ok. Nimm dir die Zeit, die du brauchst! Und rede mit Menschen, die dir helfen können und wollen! Lass dich nicht hetzen! Weder von deinem Chef, von deinem Partner, von der Gesellschaft oder sonstwem! Und wenn du denkst, dass es wieder besser wird, fang nicht gleich was neues an, was dich stresst.

Ich zum Beispiel nehme den Hund einer Freundin mit auf unsere Gassirunden. Dafür bekomme ich etwas Geld. Ich wollte dieses Geld anfangs nicht, weil ich mich schlecht fühlte, dafür etwas zu nehmen. Aber jetzt ist es mein kleines Mini-Einkommen. Davon kann ich mir mal einen extra Kaffe in einem Café leisten.

Ich bin zum Glück in der Situation, dass mein Mann Vollzeit arbeitet und die Fixkosten zahlen kann. Es gibt viele Menschen, die allein für sich verantwortlich sind. Lass dich krankschreiben! Wenn du kein Geld verdienst, dann lass dich auch krankschreiben! Das Jobcenter kann nichts machen, wenn du krank bist. Deine Gesundheit geht vor! Werde gesund und lerne wieder, das Leben zu lieben und genießen!

Es hilft viel, wenn man sich ein Hobby sucht oder schon hat. Zeichnen, schreiben, lesen, Sport machen, fotografieren, basteln, eine Collage erstellen…Kreativität hilft sehr! Kunst kann deine Gefühle ausdrücken, die du sonst vielleicht nicht rauslassen willst oder kannst.

Schreiben, auch wenn es nur für dich ist, hilft auch sehr! Deshalb mache ich das hier überhaupt! Ich habe so viel Zeug im Kopf, das raus will. Ich habe so viel zu sagen…und dabei ist es mir auch egal, ob es jemanden interessiert. Es ist wichtig, seine Gefühle irgendwohin rauszulassen. Wenn man schon so viel Energie hat, ist boxen bestimmt eine gute Idee. Denn oft ist Wut ein Teil des Weges.

Ich werde jetzt meinen Tag starten. Erstmal duschen, dann einkaufen, danach eine große Gassirunde drehen und dann mal sehen. Vielleicht schaffe ich heute ja etwas Kreatives. Und wenn nicht, dann ist das auch nicht so schlimm.

Diesen Text habe ich vor 3 Monaten geschrieben.
Also iste er nicht mehr ganz aktuell.
Aber wahr ist er trotzdem.

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2 Kommentare

  1. Oh meine liebe, liebe Jule! Warum habe ich deinen wundervoll ehrlichen und leider viel zu wahren (es gibt gar keine Steigerung von wahr, ich weiß, aber trotzdem…)erst jetzt entdeckt? Und warum zur Hölle kommt mir so Vieles davon so verdammt bekannt vor? Ich drück dich ganz doll aus der Ferne und wünschte wieder mal, wir würden nicht so furchtbar weit von einander entfernt leben. Ne Runde Gassi wäre jetzt prima 😉 Kusskuss und Riesenliebhab!

    1. Meine liebste Gesche! Gäbe es doch eine günstige Suprageschwindigkeitsbahn zwischen dort und hier! Dann könnte man in 5 Minuten hier und dort sein! <3 Kusskuss und Supraliebhab!

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