Bin ich (gut) genug?

Am vergangenen Wochenende war ich, wie so oft in letzter Zeit, mal wieder in meiner alten und bald wieder neuen Heimatstadt Lübeck. Ich hatte ein paar wirklich tolle Tage mit meinen besten Freundinnen! Angefangen mit Candlelight-Lasagne mit Sekt, weiter mit einem tollen Kochkurs und abschließend haben wir noch mit hunderten anderer Lübecker Weihnachtslieder in der MuK gesungen. Das war alles so schön und entspannt, dass ich richtig gut geschlafen habe und ausnahmsweise nicht mit Verspannungsschmerzen im ganzen Körper aufgewacht bin! Eigentlich ein perfektes Wochenende also. 

Wenn da nicht doch was passiert wäre, was macht, dass ich wieder schlechter schlafe und so verspannt bin, dass selbst die leichteste Berührung meiner Schultern mich zusammenzucken lässt.

Am Samstag habe ich mir eine Wohnung angeguckt, die von den Eckdaten her gut zu mir gepasst hätte. Bei der Besichtigung stellte ich dann zwar fest, dass diese Wohnung nicht mal ansatzweise perfekt war. Da ich gerade aber nicht wählerisch sein kann (Spacko an meiner Seite und kein fester Arbeitsvertrag), bewarb ich mich auf die Erdgeschosswohnung ohne Warmwasser und Backofen in der Küche, in der man das große Fenster im Wohnzimmer nicht öffnen konnte und in der kein Platz für eine Waschmaschine war. Ich hatte das Gefühl, einen guten Draht zum Vermieter zu haben. Er schien sich nicht an den rosafarbenen Haaren und den offensichtlichen Tattoos zu stören und selbst hatte er auch einen Hund. Beste Voraussetzungen also. 

Die Entscheidung sollte schon einen Tag später fallen, er rufe mich an. Die kurze Anspannung und Aufregung wich sofort Vorfreude. Ich richtete mich in Gedanken schon ein und plante den Umzug. 

Am nächsten Tag auf dem Weihnachtsmarkt mit einem Glühwein in der Hand bekam ich dann die Absage. Es sei ihm schwer gefallen, aber die Wahl ist auf einen anderen Interessanten gefallen. Bumm. Die erste Minute war hart und ich schwer enttäuscht. Danach rief ich mir aber die Unzulänglichkeiten der Wohnung ins Gedächtnis und war ok damit. Es sollte nicht sein und meine zukünftige Wohnung wartet schon irgendwo auf mich. Wir gingen also singen und alles war wieder ok. Während der Pause zwischen den beiden Weihnachtsschmetterblöcken hatten wir die verrückte Idee, uns für ein Getränk anzustellen (Spoiler: die Pause war zu kurz und die Schlange vor uns zu lang). Auf dem Weg zur Bar noch beschwingt und einen Song im Ohr kam eine Frau um die 60 an mir vorbei, welche kurz stehenblieb, mich von oben bis unten ansah, laut und erschrocken „Oh mein Gott!“ ausrief und dann schnell weiterging. Das kam (natürlich) so unerwartet und ging so schnell, dass ich völlig perplex stehen blieb und gar nicht so schnell reagieren konnte, wie ich wollte. Ich sah nurnoch ihren Rücken in der Menge verschwinden. Meine Freundinnen, die schon vorangegangen waren, bekamen davon nichts mit. Als ich es ihnen erzählte, pöbelten sie sofort los, was dieser intoleranten blöden Kuh denn einfiele. Bei der Gelegenheit erzählte ich dann gleich mal die Geschichte, wie sich eine Frau mal in der Bahn von mir wegsetzte, nachdem sie sah, wo sie gelandet war. 

Ich hasse solche Menschen. Intolerant und mit Vorurteilen behaftet und dabei so unbeherrscht, dass sie ihre Meinung nicht für sich behalten können. Oder wollen. 

Ich würde sagen, dass ich so bei mir bin, dass mich das nicht weiter belastet. Klar schimpfe ich in dem Moment und bin irritiert, aber dass ich nachhaltig davon getroffen werde, kann ich eigentlich nicht sagen. 

In der folgenden Nacht träumte ich Diverses. Ich träumte davon, aus unterschiedlichsten Gründen abgelehnt zu werden. Ich bekam keine Wohnung, weil ich zu bunt war. Ich bekam keinen Job, weil ich nicht klug genug war. Der Mann, den ich in meinem Traum wollte, lehnte mich ab, weil ich zu fett war. Ich wachte auf und meine Verspannungen waren wieder da. Meine Schultern waren steinhart, mein Kiefer schmerzte und mein Kopf pochte. 

Im wachen Zustand weiß ich, dass das Quatsch ist. Ich bin klug, ich liebe meine Haare und meine Tattoos und ja, ich bin nicht so super zufrieden mit meinem Körper, aber das ist erstens eine Frage der Zeit und zweitens kein Grund, dass ich sexuell oder sonstwie abgelehnt werden sollte. Und die Jobs, auf die ich mich bewarb, habe ich in letzter Zeit nicht bekommen. Aber das ist normal und passiert natürlich ständig sehr vielen Menschen! Es hat sich außer mir bestimmt nicht nur noch eine andere Person beworben, die dann den Job bekommen hat.

Ich weiß das alles und doch sagt mir mein Unterbewusstsein, dass ich vielleicht doch nicht ganz so selbstbewusst bin, wie ich es gern wäre und wie ich es auch mal war. Ich habe Angst vor Ablehnung. Das war nicht immer so. Mein Traum in der Nacht von Sonntag auf Montag hat mir gezeigt, dass ich daran arbeiten muss. Mir mehr selbst zuhören und glauben muss. Und ich muss es annehmen und glauben, wenn jemand sagt, dass mein Blog toll ist, mein Podcast gut ist, meine Stimme schön klingt und dass alles gut wird. 

Ich bin eine starke und kluge Frau. Zweifel sind normal und menschlich. Auch als starke Frau darf ich Schwäche zeigen. Das gehört sogar dazu. 

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